Das Coriolis Projekt

Raum und Räumlichkeiten sind allgegenwärtig. Und in ihnen verlieren sich in diesem Projekt drei KünstlerInnen. 

Sie gehen der Frage nach, inwiefern und in welcher Gestalt sich Veränderungen in Wahrnehmung und künstlerischem Schaffensprozess zeigen, wenn existenzielle Lebensbereiche plötzlich ihre Selbstverständlichkeit verlieren und (auf neue Weise) sichtbar werden. 

KünstlerInnen

Claudia Tomaschewski
Autorin, Wuppertal 

Thomas Feyerabend
Tänzer, Berlin

Michel Saß
Maler, Gestalter und Grafiker, Berlin 

Über das Projekt


„Was bleibt? Der digitale Raum. Der verdammte. Unbestimmbar und unbestimmt.“ 

Der Anfang. 

Spätsommer 2020. Drei KünstlerInnen sitzen auf einer Wiese in Berlin. Thomas, Michel und Claudia – ein Tänzer, ein Maler und eine Schreibende. Ihr Glück: eine Förderung des Landes NRW. Ihr Ziel: Alles rausholen, alles geben, alle abholen. Und zwar mit dem Stück CultureCubes™, einem polymorphen und vieldeutigen Hybrid aus Live-Performance, Installation, Videokunst, fotografischen und druckgrafischen Arbeiten. Dieses Projekt soll kurzweilig und tiefsinnig sein, vielleicht auch ein bisschen schockierend, zumindest aber irritierend, damit die nach Kunst und Kultur lechzenden Menschen wieder aus ihrer Apathie erwachen mögen. Nicht zuletzt soll natürlich auch die eigene Sehnsucht nach kreativer Arbeit gestillt werden. Der Plan ist also die Erschaffung einer musischen Wollmilchsau, die nicht nur bunte Eier legen kann, sondern auch tanzen. 

Die Realität. 

Wir sind uns schnell einig, dass das Stück CultureCubes™ ein Text bleiben wird. Nicht zuletzt, weil das Projekt auch einen Weg in die Öffentlichkeit finden soll, und dafür muss es realisierbar sein. In Zeiten einer Pandemie gelten einige Besonderheiten in Bezug auf die Umsetzbarkeit künstlerischer Projekte. Das ist uns zwar schon länger klar, aber die unausweichlichen Einschränkungen in der Kunst-und Kulturszene auch als solche zu verstehen, und nicht etwa als eigene Unzulänglichkeiten, das hat doch eine Weile gedauert.

»Und das macht ja so ein Misstrauen, ob das, was wir uns jetzt vornehmen, ob das überhaupt gelingt.« – Thomas

Das Gute daran: wir sind nicht an Termine und analoge Veranstaltungsorte gebunden, und was auch immer wir tun, ist wiederholbar, und zwar unabhängig von unserer leibhaftigen Präsenz. Was bleibt? Der digitale Raum. Der verdammte. Unbestimmbar und unbestimmt. Alles auf einmal und nichts wirklich. Weil wir zunächst nichts mit ihm anzufangen wissen, benutzen wir ihn die nächsten Wochen in Form einer Dropbox vor allem als Lagerhalle, die wir regelmäßig befüllen und aufsuchen, um uns das Material der anderen anzuschauen und uns daraus Versatzstücke für die eigene Arbeit zu entnehmen. Nachdem wir also die erste konkrete Idee der CultureCubes™ verworfen haben, wird sich noch wochenlang die Frage stellen, um was genau es nun eigentlich gehen soll und in welcher Form wir mit unseren jeweiligen Künsten in Erscheinung treten wollen. 

Das Konzept.

Wir entscheiden uns für das Mönchszellenkonzept. Jeder arbeitet für sich und in regelmäßigen Abständen kommen wir digital zusammen, um uns über das Prozesserleben auszutauschen. Auch, weil wir nicht alle am selben Ort leben – Thomas und Michel in Berlin, Claudia (ich) in Wuppertal. Vor allem, weil das Gebot der Isolation gilt, dem wir uns nicht widersetzen können, und mit dem wir uns als kennzeichnendes Element der Pandemie auseinandersetzen müssen und wollen. Der Inhalt wird also zur Form – form follows function. Form follows feelings. Form follows the white rabbit. Das Alleinesein ist für viele Menschen nicht unbedingt etwas Neues oder Ungewöhnliches. Allerdings ist der Kontext hier ein spezieller. Insofern nämlich, als dass alles Banale und Alltägliche, alles Normale und Gewohnte zu einer seltsamen Angelegenheit wird, zuweilen einer unheimlichen. Was uns in diesem trüben Fahrwasser hilft, ist unsere digitale Lagerhalle, also die Dropbox, die Michel auch liebevoll als Requisitentisch bezeichnet, den wir bestücken und bespielen, und der gleich viel haptischer wirkt als eine Dropbox. An diesem Tisch begegnen wir uns, seinen Spuren folgen wir. Wir sitzen um ihn herum und werden dadurch selbst zu unserem eigenen Rahmen, halten uns gegenseitig und orientieren uns aneinander. 
 
Zu einem späteren Zeitpunkt werden wir uns außerdem von dem Vorhaben eines gemeinsamen Werkes verabschieden. Die Ergebnisse sollen in Form von Einzelarbeit auch als solche erkennbar bleiben, spielt doch gerade der Umstand der Vereinzelung eine allzu große Rolle. Wir vertrauen darauf, dass die BesucherInnen ihre eigenen roten Fäden spinnen und Verbindungspunkte entdecken. Die Ausstellung kann demnach als Gruppenausstellung verstanden werden. 

Das Thema… 

…bleibt über lange Zeit schwammig. Wir scheitern mehrmals an dem Versuch einer Formulierung. Schließlich wird uns nach einiger Zeit durch den Rückblick auf unseren bisherigen Prozess klar, dass das Thema konkret und diffus zugleich ist und bleiben wird. Denn es geht in fast all unseren Auseinandersetzungen um räumliche Begriffe, wobei schon der Begriff Raum das Paradoxon von Begrenzung und Öffnung in sich birgt. Die einzige Schärfung, die wir vornehmen können, ist die Frage danach, wieso und inwiefern sich in einer Pandemie die Bedeutungen von Nähe und Distanz, draußen und drinnen, Isolation und Freiheit, Bewegung und Bewegungslosigkeit verändern. 

Unser Ziel… 

…wird der Prozess. Wir begreifen, dass es in dieser besonderen Situation nicht darum geht, ein herausragendes Kunstwerk zu schaffen. Wir erkennen, dass wir ganz nah bei uns selbst sind in dieser Zeit – gezwungenermaßen durch die Isolation, durch die Minimierung jeglicher Handlungsmöglichkeiten. Thomas sagt, die Pandemie werde auch zu einer Lebenserfahrung, sei die Möglichkeit, etwas über sich selbst und die Gesellschaft zu erfahren, und zwar auf ganz basaler und zwischenmenschlicher Ebene. Wie viel Raum doch dieses Dilemma aus unerfüllter Sehnsucht nach was-auch-immer und drückendem Verantwortungsgefühl einnimmt. Wie werden unsere zukünftigen Ichs auf unsere Jetzt-Ichs und unser Verhalten blicken? Werden sie uns Vorwürfe machen? Schallend über uns lachen? Die Hände vors Gesicht schlagen und den Kopf schütteln? 

Unsere Hoffnung… 

…besteht vor allem darin, dass die BesucherInnen sich etwas aus unserer digitalen Wunderkammer mitnehmen mögen. Um es für eine Zeit zwischen Daumen und Zeigefinger haltend ganz nah vors Auge zu führen und zu betrachten, um sich darin zu versenken oder darüber hinwegzusehen und zu schmunzeln, um eine Antwort auf eine fast vergessene Frage zu finden oder gar eine neue Frage daraus zu formulieren. 

„Wir vertrauen darauf, dass die BesucherInnen ihre eigenen roten Fäden spinnen und Verbindungspunkte entdecken.“ 


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Unser Fazit. 

»Ich sehe es als sehr besonders, dass wir so wenig gemeinsamen Raum geteilt haben – äußerlich. Aber der innere Raum quasi so groß werden musste und wir ihn versprachlichen mussten […], dass wir uns darüber wirklich austauschen konnte. Also es war ja jetzt echt ein Projekt über viele Grenzen. Physische Grenzen, dann berufliche Unterscheidungen oder Materialgrenze(n) und natürlich einfach, weil wir drei Menschen sind mit drei Erfahrungen.«
 
– Thomas 

Die Gleichzeitigkeit von neuen Freiheiten im digitalen Raum, sowie spürbaren Einschränkungen im analogen Raum hat den Zugang zu einer ganz eigenen Erfahrungsdimension geschaffen. 

»Als Schreibende kenne ich die stille und einsame Kammer, in der man sitzt und versucht, die Welt und sich selbst zu begreifen. Neu war jetzt, dass die Zeit drumherum sich kaum noch davon unterschied. Als könnte ich die Kammer nicht mehr verlassen oder als sei die ganze Welt zur Kammer geworden. Zugleich wurde dieser anhaltende Ausnahmezustand zu einem ständigen Schreibanlass. Zwischen dem Schreiben(den) und dem Schreibinhalt entsteht immer ein zusätzlicher Raum, eine Art Echo. Dieses Echo kann manchmal als Schutzhülle fungieren. So konnte ich mir die Pandemie momentweise vom Leib halten. Durch das Projekt komme ich produktiver und also etwas unversehrter durch diese merkwürdige Zeit.« 

– Claudia 

Die künstlerische Auseinandersetzung mit einem Thema erfordert und bewirkt gleichsam eine Annäherung, als auch eine Distanzierung. Das betrachtete Objekt oder Subjekt wird detailliert studiert und doch gerade durch den Blick, den man darauf richtet, auf Abstand gehalten. Im hiesigen Falle waren es in doppelter Hinsicht die Begriffe des Raumes und der Räumlichkeit, die plötzlich ihre Erscheinung und Bedeutung veränderten.

»Ich fragte mich, ob und inwiefern sich meine Fokus verschieben würde. Als Beobachter bemerkte ich dann, wie sich allmählich meine Wahrnehmung der Welt, des "drinnen" und „draußen" veränderte. Durch das Projekt und die Zusammenarbeit ist für mich die Erfahrung dieser Pandemie- und Lockdownsituation reichhaltiger geworden. Wenn das Projekt Coriolis aus noch andere Menschen dazu bringen kann, sich mit dem Thema konstruktiv zu beschäftigen, anders auf diese Ausnahmesituation zu schauen, und gegebenenfalls aus widrigen Umständen etwas Nützliches für sich mitzunehmen, dann ist es aus meiner Sicht ein Erfolg.«


– Michel

Das Coriolis Projekt wurde ermöglicht durch das: