Claudia Tomaschewski

Bevor es die Tempel gab. 

Bevor die ägyptischen Tempel riesig wurden, mit ihren Vorhallen und Säulenhallen, bis ihr Raum so groß war, dass man sich einen eigenen Kosmos darin vorstellen konnte, bis dahin waren Tempel keine Tempel, sondern kleine Lehmbunker. 
In einem kleinen Lehmbunker kauert ein Mensch, vielleicht ein Priester, vielleicht ein Beamter, vor einer winzigen Erhöhung, vielleicht einer Art Altar, etwas, an das er seine Worte, ausgesprochene oder nur gedachte, richtet. Oder auch nur seine diffuse Konzentration oder seinen Blick. Der Mensch kann im Dunkel nur vage die Form des Raumes ausmachen. Eine kümmerliche Flamme macht ein zitterndes Licht und lässt die Nacht noch schwärzer werden. Hier drin vergisst man, was Luft ist. Sie verschwindet zwischen Bewegungslosigkeit und dem Geruch feuchter Lehmwände. Als würde man sich schon selbst in der Wand befinden. Nicht davor oder daneben, sondern ganz und gar darin. Mit Armen, Beinen, Kopf, und vor allem mit dem Gesicht. Mit Ohren und Nase und Mund und Augen. Überall dort, wo Raum war, zwischen Fingern und Zehen, zwischen Zunge und Gaumen, in den Nasenlöchern, überall befindet sich nun Lehm. Während man schmeckt und staunt und nach Atem schnappt, verwringen sich die Extremitäten weiter mit dem Lehmwerk. Vielleicht entstanden so auch die ersten Lehmmenschen. Wandmumien. 
Die dunkle Enge ist nicht weniger wirksam in ihrer spirituellen oder mystischen Wirkung als die großen Hallen. Damit der Mensch sich ehrfürchtig fühlt, braucht er den Eindruck von Grenzenlosigkeit. Entweder durch Größe oder durch Dunkelheit. Durch den Eindruck, klein zu sein also oder durch Ungewissheit in Verbindung mit Imagination. Grenzenlosigkeit befeuert Furcht und Extase, nicht selten beides gleichzeitig. Furcht beruht auf dem Gefühl des Kontrollverlustes und verursacht defensive Verhaltensweisen. Extase bedarf hingegen des Kontrollverlustes und somit der Bereitschaft zur Selbstaufgabe. Wo der Extase das Gefühl von Einswerdung mit der Welt und den Menschen innewohnt, die Sehnsucht nach Entgrenzung und Verschmelzung, wird die Furcht durch das empfundene Unvermögen begründet, etwas eingrenzen und also kontrollieren zu können. Jede Furcht wittert Ausbreitung. Als drohe eine Fusion, eine Vermischung, eine Infizierung mit etwas. Als drohe eine Begegnung. Eine Berührung. Als drohe der Kontakt. Als drohe Wahrnehmung. Als drohe ein Erkennen. Nämlich jenem, dass es keine Grenzen geben kann. Als drohe endlich Wahrhaftigkeit.