Claudia Tomaschewski

Der kranke Künstler 

K. (Künstler) kommt auf die Bühne. Er ist erkältet, hustet, niest, trägt Schal. Entschuldigt sich beim Publikum. Stellt sich in Position 

K.

Ich werde jetzt für euch tanzen. Dafür werde ich auch extra in einen anderen Raum gehen. 

Verlässt Bühne und verschwindet. Man hört dumpf Musik von irgendwoher. Nach ein paar Minuten kommt K. wieder. Er wirkt bedrückt. 

K.

Das war jetzt nicht so schön. Irgendwas hat gefehlt. Ihr mir. Und ich euch? 

K. überlegt. Sein Gesicht erhellt sich. 

K.

„Ich werde jetzt für euch tanzen. Und dabei die Luft anhalten!“ 

..holt tief Luft, fängt an. Bricht ab. Muss viel husten. Holt tief Luft. Beginnt nochmal. Bricht ab. Fühlt sich nicht gut. 

K.

„Ich glaube, mir ist schwindelig. Ich brauche Vitamine.“ 

K. geht weg, holt aus einer Tasche zwei Äpfel. 

K.

„Ich bin 34 (?) Jahre alt. Und jedes Mal, wenn ich meine Großmutter besuche, fragt sie mich, ob ich auch jeden Tag meine Portion Obst esse. Ja, sage ich ihr. Und ich muss gestehen, ich bin dann schon immer ein bisschen stolz auf mich, dass ich da ihre Erwartungen erfüllen kann. Denn meine Großmutter ist liebevoll, aber auch anspruchsvoll. Also, dass ich zum Beispiel Künstler bin….da hat sie sich ursprünglich einen anderen Weg für mich gewünscht. Einen Weg, der mehr Sicherheit bietet. Aber jeden Tag esse ich einen Apfel! (freut sich) Heute habe ich sogar zwei dabei. Also wenn jemand will..“ 

... geht zum Publikum gibt jemandem (Eingeweihte/r) einen der Äpfel. mensch isst Apfel, fängt an zu husten. 

K.

„Oh, Gott! (will Apfel wieder wegnehmen) Ejjj, nicht, dass das jetzt ein Corona-Apfel war!“ 

K. geht wieder zur Bühne. 

K.

„Ich muss mich hinlegen. Mir geht es wirklich nicht gut.“ 

… K. legt sich hin, wickelt sich in Decke ein, jemand kommt auf die Bühne, spricht: 

K.

„Liebes Publikum, wie sie sehen, geht es unserem Künstler heute Abend nicht sehr gut. Er muss sich etwas ausruhen. Ich bitte um Ihr Verständnis. Nach einer kleinen Pause wird es ihm sicherlich wieder besser gehen.“ 

1, 2 Minuten passiert nichts. K. liegt eingewickelt in Decke, dann ruft er: 

K.

„Ich halt es nicht aus! Dieses Rumliegen! Da vergeht einem gleich der Sinn des Lebens (oder: nach Leben).“ 

… K. steht auf, spricht zum Publikum, seine Rede wird emotional immer intensiver: 

K.

„Ich fühle mich krank. Ich glaub aber, das ist was Psychosomatisches. Also bin ich vermutlich gar nicht ansteckend. Ich fühle mich nicht gut, aber ich kann dem Drang nicht widerstehen, dem Bedürfnis, der Lust und dem Zwang, der Notwendigkeit und der Möglichkeit zu tanzen! Ich muss es tun. Ob jemand zusieht oder nicht. Ob ich will oder nicht. Ob es angebracht ist oder nicht. Ob ich davon leben kann oder nicht. Auch jetzt muss ich wieder tanzen. Aber jetzt aus allen Gründen, die es gibt: weil ich will, weil ich kann, weil ich muss und weil ich sollte! (Oder z.B.: „Ich will tanzen, weil ich mich bewegen muss, in Bewegung bleiben. Weil ich Geld verdienen muss. Weil ich Zeichen setzen muss. Weil ich das Ganze bewältigen muss. Weil ich mich dafür entschieden habe. Weil ich dafür bereit bin. Weil ich mich danach sehne. Weil mir etwas fehlt, wenn ich es nicht tue. Weil es mir nicht gut geht, wenn ich es nicht tue.“ – zu melodramatisch?!) 


– Tanz – 

..weiterer Text (den ich noch nicht geschrieben habe) oder mit Beendigung des Tanzes auch Ende des Stückes. 

Bemerkungen

Frage: Warum Worte? Warum nicht nur Tanz? Warum nicht nur den Tanz sprechen lassen? 
Antwort: Weil ich glaube, dass in der Verbindung von Worten und Bewegung etwas Synergetisches liegt. Und weil ich besser schreiben als tanzen kann. 
Noch eine Frage: Wie sinnvoll oder „gut“ ist es, das Thema Corona allzu konkret darzustellen? Ob es vielleicht schöner wäre, würde man sich auf die universalen Empfindungen dieser speziellen Zeit konzentrieren? Das, was die Menschen miteinander verbindet, in ihrem Ursprünglichsten – Enge, Nähe, Alleinesein, Distanz, Angst, Hoffnung….oder ist das dann zu allgemein? Streift es zu wenig die derzeitige Situation? Letztlich vermutlich (wie immer) eine Frage der Inszenierung.