Claudia Tomaschewski

Fenster 

Ich stehe am Fenster. Zwischen mir und dem Fenster steht eine Staffelei. Und auf der Staffelei steht ein mit Leinenstoff bespannter Keilrahmen. Darauf habe ich gemalt, was ich sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue. Und wie ich den Keilrahmen aus seiner Halterung befreie, nehme ich ihn in die Hände und halte ihn so, als wollte ich mit meinem Gemalten ein Stück der wirklichen Welt ersetzen. Der wirklichen Welt. Für einen Moment entsteht tatsächlich der Eindruck, das Bild ließe sich wie ein fehlender Teil in die Wirklichkeit einfügen. Dabei wäre es gar keine Ersetzung. Sondern nur eine Überlagerung. Wenn ich das Haus verlasse und hinausgehe, mich mit Leib und Seele in der Welt bewege, von ihr umgeben und durchdrungen werde, dann schaue ich immer noch nur aus dem Fenster und male mein eigenes Bild. Obwohl da weder Scheiben noch Keilrahmen sind. Meine Augen sind zwei kleine Fenster. Und das Sehen wird zum Malen. Ganz und gar unwirklich diese Wirklichkeit. Was sie aber zweifelsfrei tut, ist zu wirken. Und jeder malt sein eigenes Bild von ihr.