Claudia Tomaschewski

Häuser statt Menschen 

Ich habe schon immer lieber Architektur als Menschen fotografiert. Erstens, weil sie über den Menschen mehr verrät, als er über sich selbst. Zweitens, weil sie ihn überragen kann. Und Drittens, weil sie still ist und doch nicht schweigt. Die Architektur zeigt das, was man sieht, wenn man den Menschen nicht anschaut, sondern ihn sich vorstellt. In der Architektur wird das Unsichtbare sichtbar. Das Streben, die Komplexe, der Glaube, die Angst, der Wille, die Träume, Vergangenheit und Zukunft, das Ideal, die Idee, der Versuch und das Scheitern… Die Architektur mit ihren Säulen und Fassaden, ihren Konstruktionen und Dekoren materialisiert das Wesen(hafte) des Menschen. Artikuliert es so unverfälscht und deutlich, wie es der Mensch mit Worten kaum tun kann. Sofern man Worte als Annäherungen versteht. Und Bauwerke als Tatsachen. Natürlich können auch sie nicht alles erfassen. Jede Präsenz verdrängt eine andere. Jede Geschichte muss etwas auslassen, um zu einer Geschichte zu werden. Form und Sichtbarkeiten entstehen nicht nur durch Inhalte, sondern auch durch Leerräume. Die Form ist dabei immer die Verbindung von Anwesenheit und Abwesenheit oder Material und Leerraum. Wenn Worte zensiert oder ignoriert werden können, gedreht und gewendet, umgedeutet und missverstanden, dann gibt es für die Architektur nur zwei Existenzformen. Entweder sie ist vorhanden oder zerstört. 

Kurzum: die Architektur kommuniziert eindeutiger und verlässlicher als der Mensch es je könnte. Sie kann betrachtet und berührt werden, erklommen und bewohnt. Räume und also Perspektiven können gewechselt werden, die Gedanken und Handlungen, die der Mensch vollzieht, beeinflusst. Ich behaupte sogar, Architektur verhält sich wie die Dramaturgie in einem Theater-, Musikstück oder Film. Architektur organisiert Gesellschaften und erinnert den Menschen beständig an seine Fähigkeiten und Möglichkeiten der Schöpfung, der Selbstwirksamkeit in Bezug auf Lebens- und Weltgestaltung. Es sind die Spuren realisierter Vorstellungen und Ideen. Es sind Zeugen der Verwirklichung.