Claudia Tomaschewski

Im Bauch der letzten Matrjoschka   

Meine Wohnung ist so klein, dass es sich manchmal anfühlt, als wäre ich die Wohnung und die Wohnung ich. Wie ein Schneckenhaus. Im Winter kann ich diese enge Höhle genießen. Dann, wenn viele Kerzen brennen, draußen die Dunkelheit ist, Teenebel aufsteigt und auf einem Bildschirm eine Dokumentation über die Karpaten läuft. Aber die meiste Zeit ist es unangenehm in dieser Behausung, weil alles zusammenfällt. Das Zentrum ist die Küche. Von ihr aus geht zur einen Seite das Schlafzimmer ab, das nur durch einen braungemusterten Vorhang zu einem eigenen Raum wird. Und zur anderen Seite das Badezimmer, das die Bedeutung von Winzigkeit perfektioniert, denn man kann gleichzeitig auf der Toilette sitzen, sich dabei die Füße in der Dusche waschen und aus dem Wasserhahn des Waschbeckens trinken. Egal, in welchem Zimmer ich mich aufhalte, ich kann von überall aus ohne viel Mühe eine Tätigkeit ausführen, die eigentlich in einen anderen Raum gehört. Alles ist ineinander verschachtelt. Übereinandergestülpt. Alles gleichzeitig. Ich wohne im Bauch der letzten Matrjoschka. Diese Wohnung lähmt mich, weil sie mir ständig zu nahe kommt. Manche Angewohnheiten musste ich aus Platzgründen ablegen. Auf andere kann und möchte ich nicht verzichten, sodass ich versuchen musste, sie in ihren Dimensionen kleiner zu denken und auszuführen. So zum Beispiel verlief es mit dem Tanzen. Ich konnte es nicht lassen, verletzte mich aber ständig. Dadurch geschah es, dass ich sämtliche Bewegungen abkürzen oder verkleinern musste. Sie in ihren Anfängen belassen, weil es nicht genug Raum gab, sie fortzusetzen oder gar zu Ende zu führen. Nun bleibt ein ausgestreckter Arm angewinkelt; eine Drehung sucht vergeblich ihr Zentrum und schleift träge an der Wand entlang, springe ich hoch, muss ich mich ducken und bin kleiner als zuvor. Gelegentlich habe ich den Eindruck, ich könnte mit der Wohnung verwachsen. Dann stelle ich mir vor, wie ich aus der Dusche steige und mit meiner nassen Haut erst am Duschvorhang, dann an der Wand kleben bleibe. Ganz schnell merke ich, dass sich die Wand und meine Haut miteinander verbinden. Als würden die beiden Oberflächen ihre Konsistenzen miteinander tauschen; die Wand wird weich, meine Haut rau. Irgendwann hänge ich mit dem ganzen Körper an der Wand und werde langsam bis unter die Decke gezogen, wie eine Fliege im Spinnennetz. Freunde und Familie wundern sich bald schon, warum sie so lange nichts mehr von mir gehört oder gesehen haben. Und dann brechen sie die Wohnungstüre auf – Wochen später – und sehen mich, schon vollkommen verwest an der Decke kleben. Das Handtuch noch im Haar.