Thomas Feyerabend

08.09.2020 - 17:48 h

Nachmittagsgedanken


„Ich schütze mein sensibles Etwas vor deinem sensiblen Etwas.“

Der Körper als sensibles Etwas. Das ich vor dem sensiblen Etwas der Anderen zu schützen habe. Sie zu schützen vor meinem sensiblen Etwas, vor mir. Ich bin nicht mein Körper, ich bin mein Körper. Ich bin verantwortlich für meinen Körper. Mein Körper könnte gefährlich sein. Ich bin eine Gefahr. Du bis eine Gefahr für mich. Mein Körper atmet. Deiner auch. Mein Atem ist deine Gefahr. Mein Atem könnte infizierend sein. Mein Körper wurde vielleicht durch deinen Atem infiziert und vielleicht ist mein Atem jetzt infizierend. Vielleicht auch nicht. Das weiß nur ein Test und der Laborangestellte. Aber auch nur für den Moment. Wenn mein Speichel getestet wird. Bin ich schon wieder sauber? Keine Gefahr mehr. Oder noch keine Gefahr im Röhrchen, aber ich war einkaufen. Und dein Atem, der schon nicht mehr dein Atem war, denn du kochst derweil schon zuhause. Aber Dein Atem hat mich infiziert. Du hast meinen Körper infiziert. Und du kochst gemütlich zuhause, weil du Gäste erwartest. Die werden dann infiziert sein. Oder auch nicht. Weil ihr gelüftet habt. Oder weil sie schon infiziert waren und jetzt nicht mehr infiziert sein können. Oder doch, weil der Körper die Viren abwehren kann, vielleicht aber auch nicht so lang. Oder doch ewig. Oder war das nur am Anfang? Ich bin infiziert. Oder nicht mehr. Oder noch nicht. Oder ich warte einfach, bis ich mich impfen lassen kann. Damit mein Körper dann nicht krank wird. Damit ich meine Lungenschwäche nicht austesten muss. Damit mein Körper dann sein Schutzschild auspacken kann, wenn so ein bescheuertes Virus vorbei kommt. Ich will nicht krank sein. Ich will nicht sterben. Du willst nicht sterben. Aber Leute sterben. Aber wir nicht. Weil die Krankenhäuser gut sind. Weil wir jung sind. Und außerdem sind wir schon so lang befreundet, da können wir uns schon umarmen. Aber deinem Freund biete ich den Ellenbogen an. Der ist fremd. Und das Virus kann man nicht sehen. Vielleicht ist er ja infiziert, was weiß ich, wen der so trifft. Was weiß ich, wen du so triffst, aber wir sind schon so lange befreundet. Und wir stehen ja draußen. Aber bei den Demonstrationen stehen sehr viele viel zu dicht. Aneinander und bei den Rechten. Und den Verschwörern. Und den Esoterischen. Und ich halte meinen Atem bei mir. Wir verstecken unsere Körperöffnungen im Gesicht. Und wir husten nicht. Oder in die Armbeuge. Und wir waschen uns. Die Hände. Weil das Virus eine Pandemie ist. Und weil mein Körper ein Wirt sein kann. Weil ich von Invasionen profitiere, ohne es zu wollen. Und auch selbst überfallen werden kann. Ich schütze mein sensibles Etwas vor deinem sensiblen Etwas. Weil das unsichtbare Etwas mit dabei sein kann. Und das können wir uns halt nicht leisten.