Claudia Tomaschewski

shōji

Für das nächste Mal wirst Du vorbereitet sein. Du wirst Vorkehrungen treffen, die Dich davor bewahren werden, die Fassung zu verlieren. So wie es dieses Mal der Fall war. So wie 2020. Du hast viel darüber nachgedacht, welche Umstände und Elemente den Fassungsverlust begünstigt haben. Und bist zu folgendem Schluss gekommen: Es sind die Wände. Wände verstärken das Leid. Als würde es an ihnen abprallen und mit jedem Mal größer werden. Ein Echo, das immer lauter wird und immer länger andauert. Bis es pausenlos dröhnt. Wo Wände stehen, geht es nicht weiter. Da ist Schluss. Sie sind unnachgiebig. Rauhfasertapezierte Ausweglosigkeiten. Wie sehr man sich auch dagegen lehnt, sie werden sich nicht verrücken lassen. Sie werden bleiben. Genau dort, wo sie sind. Dieser Zustand wird bleiben. Das Leid wird bleiben. Wände. Von allen Seiten erheben sie sich und stehen da. Schulter an Schulter mit breiten ausdruckslosen Gesichtern. Mundlosen, nasenlosen und augenlosen Gesichtern. Wir sind von ihnen umgeben. So viele Stunden am Stück. Tagelang, wochenlang, ohne jede Unterbrechung. Einst gaben sie uns Schutz und Orientierung. Sie brachten uns das Links, das Rechts, das Oben und das Unten bei. Jetzt befallen sie uns. Wir verinnerlichen die Wände um uns. Unser weiches Inneres wird erst zäh, dann knöchern. Die Verhärtung beginnt im Nacken, kriecht weiter entlang der Wirbelsäule und erreicht schließlich Muskeln und Organe. Befällt Gallenblase, Herz und Hirn und alles andere. Sehnen. Die Sehnen nicht zu vergessen. Wir können uns kaum mehr bewegen. Mit dem Wenigen, was wir noch tun können, geraten wir in einen kümmerlichen Kreislauf aus Wiederholungen. Sie ermüden unseren Geist so sehr, dass er den Körper bald schon verlassen wird. Wir bleiben unbewohnt zwischen unseren vier Wänden zurück.
Was ist es, was Du dagegen tun wirst? Was kannst Du gegen diese Wände ausrichten, über die Du Dich so beklagst? Welche Vorkehrungen willst Du treffen? Für den Fall, dass sowas nochmal passiert… Dein Blick wird fest und Du rufst euphorisch, Shōji! Wände aus Papier! Verschiebbare lichtdurchlässige Wände aus Papier! Die kämen aus der traditionellen japanischen Architektur. Der Raum in einem klassischen Japanischen Haus – Minka – könne jederzeit den Jahreszeiten und Bedürfnissen des Menschen angepasst werden. So werde es zu einem wandelbaren und beweglichen Ort. Früher habe man zum Beispiel sämtliche Shōji entfernt, um genug Platz für die Körbe zu haben, in denen man sich Seidenraupen hielt. Sie wurden mit Maulbeerblättern gefüttert und lagen auch noch in diesen Körben, wenn sie sich in ihre Kokons eingesponnen hatten. Ebenso für Trauerfeste, Hochzeiten oder Versammlungen beseitigte man die Papierwände. Menschen und Wänden konnten auf diese Weise eine symbiotische Verbindung miteinander eingehen. Einen beweglichen Dialog oder eine dialogische Bewegung. Die uns bekannten harten und starren Wände verweigern sich uns hingegen, solange wir keine Bilder und Spiegel an ihnen anbringen. Und auch nur dafür sind sie eigentlich gut. Um entweder so zu tun, als seien sie etwas anderes, eine Landschaft oder eine Stillleben zum Beispiel. Oder damit sich der Mensch durch angebrachte Spiegel selbst betrachten kann, im Glauben, er sähe sich selbst.

Da sei ein weiterer entscheidender Unterschied zwischen Steinwänden und Wänden aus Papier. Der Halbschatten. Ob Sonnenlicht oder Mondlicht durch das handgeschöpfte Papier der Shōji – washi – fällt, es werde auf der anderen Seite als weicher Halbschatten wiedergeboren. Diese dunklen Lichtstellen oder hellen Schattenbereiche würden eine zusätzliche Raumdimension erzeugen, wodurch sich die Raumtiefe intensiviere und die Umgebung insgesamt atmosphärischer wirke. Deswegen seien auch Kerzenlicht oder dimmbare Leuchtobjekte so beliebt, weil der Raum zwischen hell und dunkel diese besondere Qualität habe. Wie das Zwielicht. Wie die Dämmerung. Sowohl bei zu hellem Licht, als auch bei fehlendem Licht verschwinde der Raum. Erst im Halbschatten werde er lebendig und weit. Wenn sich das Sichtbare und die Ahnung begegnen, ihre Linien und Flächen ineinanderfließen, um verheißungsvolle Übergänge zu schaffen – Zwischenwelten. Bei der Herstellung der Shōji sei es unerlässlich, das dicke und flauschige washi zu verwenden. Im Gegensatz zu glattem Papier, das Licht einfach abprallen lasse, sei die japanische Variante in der Lage, das Licht aufzusaugen und konturenlos wiederzugeben, wie Nebel.